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Nachdenkliches für Corona-Zeiten

„Dafür nicht…“

Kennen Sie das auch? Sie bedanken sich für etwas, das man für Sie getan hat, und Ihr Gegenüber sagt lapidar „Dafür nicht!“ oder „Keine Ursache.“ oder „War doch selbstverständlich.“ Was sind das für Antworten? Lapidare oberflächlich wirkendende Floskeln. Ja, ja ich weiß; Sie werden sagen, na und, es heißt doch schließlich auch, “In der Kürze liegt die Würze“. Ja, da ist etwas dran; aber dann ergänze ich diese Redensart: „…aber auch die Kälte.“ Und die steht mehr für eine ablehnende Gesprächsatmosphäre.

Warum also wird Ihr Dank so abgewertet? Ist das, was Ihr Gegenüber für Sie getan hat, des Dankes nicht wert? Und was heißt das eigentlich – dafür nicht? Ich frage dann immer – wofür denn? Und das macht meinen Gesprächspartner dann doch ein wenig nachdenklich.

Oder - sollte ich mich vielleicht gar nicht bedanken und mich einreihen in die große Zahl derer, die sich von Mundfäule geplagt, nicht bedanken. Davon haben wir viele; und deshalb nehmen wir Deutsche auf der Skala des freundlichen Umgangs im Vergleich mit anderen auch nur einen äußerst schlechten Platz ein.

Und was heißt keine Ursache? Legt mein Gegenüber etwa seinen eigenen Maß­stab an? Es mag ja für ihn eine Kleinigkeit gewesen sein, die er für mich getan hat, und somit des Dankes nur eine Floskel wert sein – es heißt ja auch oft, das ist nicht der Rede wert -, aber aus meiner Sicht, war es keine Kleinigkeit, die er für mich getan hat.  Mir die Uhrzeit zu sagen, bedarf sicher keiner großen Mühe, aber für mich, der nach der Uhrzeit gefragt hat, war diese Auskunft sehr entscheidend, denn ich hatte einen äu­ßerst wichtigen Termin wahrzunehmen. Mein Maßstab ist also ein anderer. Empathie heißt doch, die Fähigkeit zu entwickeln, sich in die Lage des anderen zu versetzen.

Vielleicht liegt es aber auch an uns, an der Art, wie wir uns bedanken. Denn wenn mein „Danke“ nur wie eine Pflichtübung wirkt, dann sollte ich mich nicht über eine ebenso oberflächliche Antwort wundern. Wenn ich aber meinem Danke einen „Halbsatz“ anfüge, vielleicht indem ich den Nutzen nenne z.B. …da haben Sie mir sehr geholfen…da haben Sie mir Zeit erspart …hat mir die Arbeit erleichtert…, dann werte ich das Danke auf und damit auch meinen Gesprächspartner. Einfach ausprobieren – es dient der Gesprächsatmosphäre!

In dieser Corona-Auszeit bekommt der Wunsch vieler nach Entschleunigung einen höheren Stellenwert, und das gibt uns, besonders denen, die eine Tätigkeit an und mit Menschen ausüben, die Möglichkeit, die Sinne im Umgang miteinan­der zu schärfen – für ein besseres Miteinander. Viel Erfolg – und bleiben Sie gesund.

Paul-Egon Mense

 

Wie lange noch…?

„Ihr wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt, wie ein Dieb in der Nacht. Während die Menschen sagen Frieden und Sicherheit, kommt plötzlich Verder­ben über sie, wie die Wehen über die schwangere Frau und es gibt kein Entrin­nen.“

So schreibt Paulus in seinem 1. Brief an die Thessalonicher 5,3. Paulus, der wohl glaubwürdigste Apostel im 1. Jahrhundert nach Christi, auch wenn er nicht zu den Jüngern Jesu gehörte, wäre vielleicht heute ein schonungsloser Systemkritiker oder gar ein Revolutionär. Vermutlich war zur Zeit Paulus die Welt in einem ähnlich schlechten Zustand wie heute; die Dominanz der Reichen gegenüber den Armen, der Gebildeten gegenüber den Ungebildeten, der Mächtigen gegenüber den Ohn­mächtigen und aus all dem und vielen anderen Missständen die daraus sich ergebende soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Hat ihn das wohl zu dieser in Worte gefassten apokalyptisch wirkenden Endzeitstimmung veranlasst?

Oder hat das zur Zeit Paulus nach Macht und Einfluss strebende Verhalten der verschiedenen Religionen mit dazu beigetragen? Ähnlich wie wir es heute noch erleben, wenn man gestärkt durch die Überzeugung, „die einzig wahre Religion“ zu sein, Konflikte heraufbeschwört, die oft zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen. Nächstenliebe und Gerechtigkeit, von allen Weltreligionen hochgeschätzte Lippenbekenntnisse, werden so ad absurdum geführt. 

In der jüngeren Neuzeit, die gerade mal 500 Jahre umfasst, standen wir Menschen immer mal wieder vor den "Trümmerhaufen der Geschichte". Und obwohl wir in der Lage waren und sind, das hinterlassene Chaos mit all seinen negativen Auswirkungen und seinem unmenschlichen Leid zum Zwecke einer erfahrungs-orientierten Zukunft zu analysieren und zu nutzen, reicht die Vernunft eben doch nicht aus, uns vor uns selbst zu schützen. Ja - der Mensch hat nur einen wirklichen Feind, den es zu besiegen gilt; es ist der Mensch. Ein Beleg dafür kennzeichnet ein Interview in der New York Times im Jahr 2006 mit einem der fünf reichsten Männer der Welt, Warren Buffet, der folgendes sagte: "Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir werden gewinnen." Deutlicher kann man es nicht sagen.

Und Joseph Beuys, der im Mai 100 geworden wäre (Mai 1921 – Januar 1986), der schwer zu verstehende und oft verkannte Künstler aus den 60er, 70er und 80er Jahren, der sich aber auch als Sozialphilosoph dem Humanismus verpflichtet sah,

sagte einmal: „Jede Revolution beginnt mit einer dummen Frage.“

Also sei mir die „dumme Frage“ erlaubt: „Wie lange noch, wird uns Gott vor der drohenden Apokalypse bewahren? Wie lange noch werden wir Christen- und Glaubensmenschen es zulassen, was auf dieser Welt geschieht?“ In der Bergpredigt hat uns Jesus gelehrt, was zu tun ist – wird sie nun ihre 2000-jährige Wirkungsgeschichte einbüßen, weil wir ihre Sprache nicht mehr verstehen oder zu deuten wissen, und weil sich vielleicht deshalb immer mehr Menschen vom christlichen Glauben abwenden?  Sind nun allein unsere Religionsverantwortlichen zuständig, Antworten zu finden, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken? Nein - auch wir in unseren Gemeinden vor Ort, sind zum Handeln aufgefordert. Wir als Mitglieder der Kirchenvorstände sind nicht gewählt worden, um nur eine Gegenwart zu verwalten, sondern eine Zukunft unter erschwerten Bedingungen, die wir in Kürze zu erwarten haben, zu gestalten. Ich bin sicher, dass es uns gemeinsam gelingen kann. Viel Zeit haben wir aber nicht mehr.

Paul-Egon Mense – Kapellengemeinde Todenmann – Juli 2021